Die kreative Produktivität der Faulheit im Management - Fleißige verwalten, Faule gestalten

Sein Terminkalender ist prall gefüllt, sein Arbeitspensum überdurchschnittlich hoch: Trotzdem steht „der faule Manager“ immer wieder in der Kritik. Da nimmt es Wunder, dass ausgerechnet die Faulheit für Führungsspitzen zum neuen Arbeitsethos ausgerufen wird. Faul zu sein, so heißt es übereinstimmend in den einschlägigen Foren, sei im Grunde nicht dumm, sondern besonders schlau, weil sie über ein Mehr an Effektivität und Kreativität zu größerem Erfolg führe – womit sie also genau den Stillstand und die fehlende Flexibilität bekämpfe, die den faulen Manager angeblich auszeichne. Wie aber kann das sein?

Der Faule wird zum arbeitsscheuen Gesellen

Nach normaler Lesart gilt die Faulheit als Laster - wer ein „fauler Hund“ ist, arbeitet nicht produktiv und ist gewöhnlich kein Aushängeschild für Unternehmen und Kunden.
Die negative Konnotation des Begriffs ist historisch begründet. Schon der Wortursprung von „faul“ liegt im gotischen fuls und bedeutet "stinkend, modrig" – in der geläufigen Steigerung von „faul“ zu „stinkfaul“ hat sich diese Bedeutung erhalten. Als Zustand der Trägheit und des Nichtstun verstanden, wird die Faulheit allgemein als mangelnder Wille eines Menschen angesehen, aktiv sein Leben zu gestalten, zu arbeiten oder sich anzustrengen. Anders als die Faulheit galt die Muße - im Sinne von Kontemplation – in der Antike als erstrebenswertes Ideal. Sokrates beschrieb sie als "Schwester der Freiheit" (1). Für die Stoiker und besonders den römischen Philosophen Seneca bestand das Glück in „Sorgenlosigkeit und beständiger innerer Ruhe“. Mit Hilfe der Philosophie, so glaubte er, könne der Mensch die Unruhe erzeugende Gier besiegen und so den Idealzustand der Seelenruhe erreichen (2).
Wer dagegen heute rastet, der rostet – sein Müßiggang ist bekanntlich „aller Laster Anfang“. Die Aufforderung zur tätigen Unruhe, zum „Ora et labora“ entstammt dabei der späteren, christlichen Lehre. Sie zählt die Faulheit (acedia) zu den sieben Hauptlastern, die als weltliches wie spirituelles Nichtstun verstanden wird. 
Die theologische Verwerflichkeit der Faulheit fand im Protestantismus ihre durchschlagendste Kraft: Nun wurde sie im Verbund mit der Muße als reine Zeitverschwendung diffamiert, „und darum wurden Verweigerer diszipliniert, wurden seit der frühen Neuzeit Bettler überall in Westeuropa in sogenannte Arbeits- und Zuchthäuser gesperrt.“ (2) Der Fleiß dagegen firmierte endgültig zum Zeichen eines gottgefälligen Lebens, was der Soziologe Max Weber in Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus stimmig nachgewiesen hat. Die protestantische Arbeitsethik und besonders der Calvinismus schufen die tugendhafte industria (lat. eifrige Tätigkeit, Fleiß, Betriebsamkeit), die letztlich zur Industrialisierung und zu unserer modernen, von „Unruhe“ bestimmten Welt führte.

Die neue Faulheit: cleverer Müßiggang

Erstaunlicherweise feiert die Faulheit im Gewand einer produktiven Muße heute ein überraschendes Comeback – Faulheit ist eben nicht gleich Faulheit. Es gibt die ursprüngliche „schlechte“, in der Regel unbewusst bleibende Faulheit, das klassisches Faulenzertum, das unter anderem den leistungsschwachen, unmotivierten Mitarbeiter eines Unternehmens als „Minderleister“ negativ kennzeichnet (3). Und es gibt die neue „gute“, bewusst gewählte Faulheit als persönliche Entscheidung zur kreativen Muße – eine Faulheit, die offenbar gegen ihre eigentliche Natur produktiv ist und ihre Anhänger zu cleveren Müßiggängern adelt.
Das Ganze funktioniert deswegen, weil die Faulheit zum Instrument für das überlegte, rationale, und damit auch wirtschaftliche Handeln wird. So geht es im Management nicht darum, möglichst viel in vielen Stunden abzuleisten, sondern das Richtige zügig und zum richtigen Zeitpunkt zu erledigen und zu kommunizieren – und das, ohne dabei in Panik zu geraten: „Hektik und Übereifer … sind faulen Menschen in der Regel fremd“ (4). Derjenige also, der gelassen und faul, aber geistreich den einfachen Weg sucht, steigert seine Effizienz enorm. Nicht zufällig haben „viele Erfindungen der Menschheit ... ihren Ursprung darin, dass jemand Zeit, Aufwand und Energie sparen wollte“ (5). Im Arbeitsalltag heißt dies auch, dass weniger Wichtiges einmal warten muss, unfertig stehen gelassen werden kann, oder vertrauensvoll delegiert wird. Dabei wird jedoch nicht der allseits beliebten „Aufschieberitis“, der Prokrastination gefrönt – diese ist dem intelligent-faulen Menschen ebenso ein Gräuel wie der klassisch-fleißigen Arbeitsbiene. Souverän faule Führungskräfte „chillen“ mit Verstand: Sie bleiben motiviert, lassen aber den Kopf frei für wichtige und vor allem unerwartete Aufgaben, die Flexibilität voraussetzen. Arbeit wird demnach nicht stumpf erledigt oder verwaltet, sondern nach Wichtigkeit strategisch gewählt und kreativ gestaltet. Dies wiederum ermöglicht gleichzeitig einen kontinuierlichen Verbesserungsprozeß, der dem Unternehmen hilft, flexibel zu bleiben. So verschläft dieses auch nicht, neue Märkte zu erschließen oder die eigenen Produkte den Wünschen der Konsumenten immer wieder anzupassen – selbst handfeste Krisen können mit solch einer überlegten Muße am besten gemanagt werden.

Kreativ-produktive Faulheit ist kluges Zeitmanagement

Der Gedanke der Entschleunigung gewinnt seit geraumer Zeit auch in der Unternehmenskultur an Akzeptanz. Wer kreativ-produktiv faul ist, handelt nach dem Prinzip “Weniger ist mehr“, was der Arbeit nicht nur Sinn gibt, sondern Zeit, Nerven und Geld spart. Intelligente Faulheit kann sich dabei nicht nur für die Führungsspitze, sondern auch für die Mitarbeiter auszahlen - mithilfe flexibler Arbeitsmodelle, die auch auf die vielbeschworene Work-Life-Balance Bezug nehmen, steigert man nicht nur die allgemeine Motivation und Zufriedenheit, sondern letztlich auch den Umsatz. Es gilt also, nicht nur die eigene, sondern auch die Faulheit der anderen intelligent zu nutzen und zu bedienen. Was in Zukunft zähle, so Christiane Flüter-Hoffmann, die beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln an der Personalpolitik der Zukunft forscht, sei nicht mehr die Anzahl der geleisteten Stunden, sondern das Arbeitsergebnis an sich (6) – eine neue Wirtschaftsethik, die zwar immer noch den Weber'schen Geist des Kapitalismus atmet, sich aber ebenso geschickt von ihm zu emanzipieren scheint; ganz im Sinne des Arbeiterführers Paul Lafargue, der 1883 in seinem Buch Das Recht auf Faulheit leidenschaftlich proklamierte: „O Faulheit, erbarme du dich des unendlichen Elends! O Faulheit, Mutter der Künste und der edlen Tugenden, sei du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit!“ (7).


(1) http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/faulheit-und-musse-die-entdeckung-der-langsamkeit-a-837573.html
(2) https://www.brandeins.de/archiv/2015/faulheit/interview-ralf-konersmann-die-unruhe-ist-eine-passion/
(3) https://www.impulse.de/management/personalfuehrung/minderleister/2641725.html
(4) http://www.manager-magazin.de/unternehmen/karriere/sieben-gruende-warum-faule-menschen-erfolgreicher-sind-a-1016831.html
(5) http://www.zeitzuleben.de/ich-bin-faul-und-das-ist-auch-gut-so/
(6) http://www.zeit.de/campus/2016/05/arbeiten-sechs-stunden-tag-test-schweden/seite-2
(7) http://archiv.labournet.de/diskussion/arbeit/prekaer/malmoe2.html

Nur was sich rechnet ist gut.

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