Lügen am Abgrund: Baron Münchhausens wilde Kapriolen im Management

Das Image der Manager droht national wie international immer tiefer im moralischen Morast zu versinken: Finanz- und Bankenkrise, Baulügen allerorten, Korruption in der Fifa oder jetzt VW-Abgas-Skandal - ist der Betrug, die Täuschung und Lüge ein systemimmanentes Problem aller Unternehmensführungen oder kommt es letztlich doch auf den Einzelnen an?

Wahrhaftigkeit in der Theorie: Ein moralisches Gebot

Angeblich lügt jeder Mensch etwa 200 Mal am Tag. Der Psychologe Helmut Lukesch hat diese häufig zitierte Behauptung, die auf den US-amerikanischen Psychologen John Frazier zurückgehen soll, angezweifelt. Seine studentischen Probanden kamen auf nur 1,8 Lügen pro Tag, „und diese Zahl stimmt erstaunlich gut überein mit anderen Studien – auch da log der Durchschnittsmensch etwa zweimal pro Tag“ (1). Doch ist es überhaupt entscheidend, wie oft wir lügen? Die großen Kritiker der Lüge, Augustinus und Kant, würden diese Frage sicher mit „Nein“ beantworten. Sie verurteilten die Lüge prinzipiell, weil sie das Vertrauen in die Wahrheit der menschlichen Rede und in Gott zerstöre (Augustinus) und gegen die Vernunft gerichtet sei, genauer, der Wahrhaftigkeit diametral entgegenstehe, die als Rechtspflicht ihrem Wesen nach keine Ausnahme vertrage (Kant). Was kompliziert klingt, lässt sich bei den beiden Denkern in der Schlussfolgerung moralisch auf das achte von den Zehn Geboten der Hebräischen Bibel reduzieren: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben“. Oder, ganz schlicht: „Du sollst nicht lügen“.

Wahrheit in der Praxis: Eine relative Größe

Die meisten Menschen lügen aus Höflichkeit, aus Scham, Angst, Unsicherheit oder Not. Aus einer kleinen Schwindelei oder einer zurecht gebogenen Wahrheit kann eine handfeste Lüge werden, bis hin zum kaltblütigen Betrug - die Übergänge sind fließend. Der Autor Brad Blanton schlug sogar vor, auch Verhaltensweisen wie Informationszurückhaltung, Beschönigung und Übertreibung, und sogar Taktgefühl und Diplomatie als Formen der Lüge zu werten (2) – ein Vorschlag, der wohl jeden zu einem chronischen Lügner machen würde. Unser gesamter Berufsalltag, besonders der PR- und Werbebereich, jedes Verkaufsgespräch leben von kleinen Unwahrheiten und Täuschungen, von Schmeicheleien und Übertreibungen - wer immer ehrlich ist und Schwächen eingesteht, hat erfahrungsgemäß als erster das Nachsehen. Schon für Nietzsche war die Wahrheit eine relative Größe, die ihre Grenze allein im Schaden des anderen findet: „Der Intellekt, jener Meister der Verstellung, ist so lange frei und seinem sonstigen Sklavendienste enthoben, als er täuschen kann, ohne zu schaden, und feiert dann seine Saturnalien“ (3). Oder, um dem Problem mit fein-bissigem Humor zu begegnen: "Das Beste muss mitunter lügen. Zuweilen tut er´s mit Vergnügen" (Wilhelm Busch).

Unehrliche Manager: Ein Leben auf Abruf

Nach dem Autor Artur P. Schmidt sind unehrliche Manager heute eine „weitverbreitete Spezies“, sie seien „Blender, systematisch Lügende“ (4). Tatsächlich ist die Entwicklung einer betrügerischen Software (siehe VW), die Veruntreuung von Geldern, das Schönen oder gar Fälschen von Bilanzen kein Kavaliersdelikt. Wer regelmäßig nicht existente Umsätze einbucht, besticht oder sich selbst korrumpieren lässt, wer Mitarbeiter entlässt, weil er selber versagt hat, wer mobbt, um unliebsame Mitarbeiter loszuwerden, permanent Lieferanten unter Druck setzt oder erpresst oder der Firma zum Beispiel eine unumgängliche Fusion als Reform verkauft, der hat die Lüge zu seinem Lebenselixier gemacht - allerdings auf Kosten der anderen. Wenn Manager im großen Stil lügen, um sich und ihr Unternehmen besser darzustellen, fliegen sie irgendwann auf: Der öffentliche, mediale Druck wird zu groß und es bleibt nichts mehr, außer panisch die Flucht nach vorn zu ergreifen. Die permanenten Flunkereien im Kleinen bleiben dagegen oft verborgen, können in ihren Auswirkungen jedoch genauso desaströs sein. Trotz alledem: Die meisten Manager leisten gute Arbeit, ist sich der Autor Klaus Schuster sicher - wären da eben nicht diese „Glücksspieler und Wachstums-Fetischisten mit den Mondzielen“ – gierige Egomanen, denen man auf die Finger schauen muss (5).

„Großartig! Unglaublich!“ - wenn weniger mehr ist

Um mehr Ehrlichkeit und Authentizität in das eigene Unternehmen zu bekommen, und sich selbst entspannt im Spiegel anschauen zu können, hilft kein Lügendetektor: Es braucht den Mut, sich als Verantwortlicher kritisch immer wieder selbst zu hinterfragen und zu beobachten. Verstelle ich mich oder stelle ich mich dar? Manager, die in einer Präsentation viele unpersönliche Pronomen benutzen oder häufig in Floskeln oder in der dritten Person Plural reden, lügen nach einer Studie häufig. Sie übertreiben gerne stark und sprechen auffällig oft in Superlativen (6). Die aufrichtige, eigene Analyse oder ein Coaching von außen ist immer hilfreich, denn die Selbsttäuschung ist nach Kant fast noch schlimmer als die Täuschung gegen andere: "Die Lüge kann eine äußere, oder auch eine innere sein. Durch jene macht er sich in Anderer, durch diese aber, was noch mehr ist, in seinen eigenen Augen zum Gegenstande der Verachtung und verletzt die Würde der Menschheit in seiner eigenen Person", schrieb der Philosoph der Aufklärung in seiner Metaphysik der Sitten von 1797.

Quellen:
(1) http://www.zeit.de/2011/16/Stimmts-Luegen
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCge
(3) Aus: Friedrich Wilhelm Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne – Kapitel 1, 1873, aus dem Nachlaß Saturnalien: Römische Festtage zu Ehren des Gottes Saturn
(4) http://www.wissensnavigator.com/documents/LuegenManagement.pdf
(5) http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/manager-und-ihr-schlechter-ruf-gruende-fuer-ihr-verkorkstes-image-a-971964.html
(6) http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/studie-entlarvt-manager-die-sprache-der-luegen-1.1014348

Nur was sich rechnet ist gut.

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